Von Schuld, Tränen und einer Umarmung
Audio | 31.07.2026 | Dauer: 00:04:35 | SR kultur - (c) SR
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Von Schuld, Tränen und einer Umarmung
Ein Streit zwischen Kindern zeigt auf berührende Weise, wie Vergebung gelingen kann – und wie schwer es oft ist, sich selbst zu verzeihen.
Tim kommt weinend auf mich zugelaufen und fängt schon im Laufen an zu sprechen. Vor lauter Schluchzen kann ich ihn kaum verstehen. „Jetzt atme erst einmal durch und sag mir, was passiert ist.“, versuche ich ihn zu beruhigen. Ich stehe mitten in einem Zirkuszelt, halte mein Pausenbrot in der Hand und wollte gerade reinbeißen. Es ist Mittagspause in unserem Zirkus-Ferienprogramm, das ich begleite. Tim ist eins von 80 Kindern, das im pädagogischen Zirkus mit dabei ist. Gerade ruht das Trapez und die Jonglage-Bälle liegen in der Ecke. Und Tim hat ein schlechtes Gewissen. Ich lege mein Pausenbrot zur Seite und höre ihm zu. „Ich habe was ganz doll Schlimmes gemacht, was ich gar nicht wollte! Und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll.“, schluchzt Tim betrübt. Dabei kullert ihm eine Träne nach der anderen die Wange hinunter. Nach einigen Sekunden finde ich heraus: Tim hat sich mit einem anderen Kind gerade gestritten. Worüber, das weiß er schon nicht mehr. Aber es wurde so hitzig, dass Tim die Hand ausrutscht. „Ich habe Leo eine Ohrfeige gegeben. Ins Gesicht! Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte!“, erzählt er aufgewühlt weiter. Tim ist dabei sichtlich von sich selbst erschrocken, was ihm da aus dem Affekt heraus passiert ist. Danach war er so geschockt, dass er direkt zu mir gelaufen kam. So ohnmächtig fühlte er sich.
Also nehme ich Tim an die Hand und laufe mit ihm zurück zum Ort des Geschehens. Und da finden wir den anderen Jungen, Leo, mit dem er sich gestritten hatte. Der ist wiederum sichtlich überrascht, Tim so unendlich traurig zu sehen. Kaum sind wir bei ihm angekommen, rollen wieder die Tränen. Tim entschuldigt sich und sagt weinend: „So etwas kann man doch gar nicht verzeihen. Es tut mir so leid, dass es mir selbst weh tut.“ Leo zuckt die Schultern und entgegnet: „Tim, alles gut, du hast dich entschuldigt, ich habe dir verziehen, es ist wieder ok, das kann halt mal passieren.“ Ich merke: Für Tim ist es viel schwieriger als für sein Gegenüber, sich selbst zu verzeihen. Und dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Leo nimmt Tim in den Arm und hält ihn fest und wiegt ihn so lange, bis er langsam mit Weinen aufhört. Der, der eben noch geschlagen wurde, tröstet den, der ausgeteilt hat, weil der sich selbst nicht verzeihen kann. Ich staune nicht schlecht. Und ganz ehrlich: In diesem Moment läuft mir ein Tränchen über die Wangen. Ein anderes Mädchen staunt neben mir mindestens genauso: „So etwas habe ich noch nie gesehen!“, flüstert sie mir zu. Und ich denke mir: Wenn wir Erwachsenen uns davon etwas abschauen würden, was würde das für unsere Konflikte heißen?
Im Zirkus haben Tim und Leo eben nicht nur gelernt, am Trapez Figuren zu präsentieren, mit dem BMX-Fahrrad coole Kunststücke zu zeigen oder das Feuer zu bändigen. In der Akrobatik haben sich die Kinder gegenseitig gehalten und gesichert. Wenn sie sich brennende Fackelstangen zugeworfen haben, mussten sie aufeinander achten. Und wenn einer auf das Fahrrad des andern mit aufsprang, war es nötig, achtsam aufeinander zu sein. Ich glaube: Es war kein Zufall, dass Tim dieser Streit so unendlich leidtat. Die Woche über konnte ich beobachten, wie die Kinder lernten, miteinander umzugehen. Übrigens: Nicht zuletzt deshalb passt für mich ein pädagogischer Zirkus so gut in die kirchliche Jugendarbeit.
Die beiden Jungs erinnern mich an diesem Mittag daran, wie schön Vergebung sein kann. Und wie schwer es manchmal ist, sich selbst zu verzeihen. Tim zeigt mir: Wenn mir etwas wirklich leidtut und ich ehrlich zeige, dass ich es bereue, dann kann Vergebung wirklich gelingen. Und Leo bewundere ich für seine Größe, über seinen Schatten zu springen und zu trösten und zu verzeihen.
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