Trösten kann nur, wer die Traurigkeit kennt
Audio | 08.03.2025 | Dauer: 00:03:44 | SR kultur - (c) SR
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„Ich finde es richtig gut, dass in meinem Zimmer jetzt noch ein Junge schläft, der auch ein Elternteil verloren hat. Der versteht mich. Und Du? Was willst Du hier?“ Ungefähr so fing mein Kontakt mit Artur an, den ich in seinem Krankenhauszimmer besuchen sollte, weil den Schwestern seine tiefe Traurigkeit aufgefallen war. Artur ist zwölf und seine Mutter lebt nicht mehr. Jetzt braucht es eine Zeit zur Medikamenteneinstellung. Was soll ich nur sagen auf so einen „Frontalangriff“, bleibe erstmal still.
„Weißt Du, Ahnung braucht man da schon. Ich rede ja nicht mit jedem. Das nervt schon in der Schule. Man wird ja wohl noch traurig sein dürfen. Also, ich brauch keinen, der das weghaben will“, Artur sieht mich fragend an. „Nein, ich möchte Dich kennenlernen und besuchen. Weghaben will ich nichts, wer weiß, ob wir uns überhaupt verstehen“, antworte ich.
Im Laufe unserer Begegnung darf ich Artur in mein Büro einladen, das findet er besser als sein Krankenhauszimmer: „Hier ist ja mehr Platz. Da komme ich mir auch nicht so dauerkrank vor, weißte, meine Mutter ist jetzt drei Jahre tot und alle wollen irgendwie, dass ich das vergesse, weil sie ja an Drogen gestorben ist und ich soll da nicht so drandenken. Aber das geht nicht. Was ist denn da dran so schwer zu kapieren, ist doch meine Mutter gewesen, Vater hatte ich sowieso keinen. Jetzt wohne ich bei der Oma. Die ist lieb und die versteht mich…“ Nachdenklich ergänzt er: „Die ist auch traurig. Vielleicht kann nur trösten, wer auch traurig ist?“ Wieder berührt mich Arturs fragender Blick und seine klaren Sätze, die so genau die Erwachsenenwelt entlarven. Mir kommt Satz aus der Bibel in den Sinn: Weint mit den Weinenden, freut euch mit den Fröhlichen. „Ja, vielleicht ist es so. Schlaue Sätze helfen mir auch nicht, wenn ich richtig traurig bin“, sage ich. Und dann schweigen wir eine Weile zusammen.
Irgendwann sieht Artur aus dem Fenster und beginnt von seiner Mutter zu erzählen, alles Bruchstücke aus dem Leben einer drogenkranken Frau, die mit Kind nicht leben konnte. Alles klingt schon fürs Leben traurig in meinen Ohren. Doch der Tod seiner Mutter ist für Artur wohl wie eine endgültige Mauer: keine Wendemöglichkeit mehr, vielleicht doch noch eine Mama zu bekommen!
Ich weiß auch nicht weiter als: „Ich verstehe, dass Du traurig bist. Das ist echt sehr viel für einen Zwölfjährigen.“ Völlig erstaunt höre ich seine Antwort: „Das ist ja schon mal gut. Kannst mich gern nochmal besuchen, bin ja ne Weile da. Jetzt gehen wir, komm!“ So bringe ich ihn wieder auf Station und wir verabreden uns für einen weiteren Besuch. Erst denke ich, wie wenig möglich war und dann ist da wieder dieser Impuls: Weint mit den Weinenden und freut Euch mit den Fröhlichen! Wie weise: es ist eben nicht damit getan, über Traurigkeit hinweg zu sprechen, obwohl es dafür unter uns Erwachsenen viele Beispiele gibt: „Kopf hoch, wird schon wieder!“, „Die Zeit heilt alle Wunden“, Denk mal an was anderes!“ und so weiter: gut gemeinte Ratschläge, die aber die Lage des anderen völlig kleinreden.
Nach der Begegnung mit Artur bin ich auf einmal sicher, worauf es ankommt: sich vom Lachen eines fröhlichen Menschen mit auf die Seite der Freude nehmen zu lassen. Und dann eben auch mit denen auszuhalten, denen eher nach Weinen zumute ist.
Könnte tatsächlich nützen in unseren schwierigen Zeiten, ein Versuch ist es wert, denn Drüberhinwegreden hilft niemandem: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!
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