Ein bisschen Platz

Ein bisschen Platz

Audio | 19.09.2026 | Dauer: 00:03:24 | SR kultur - (c) SR

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Ich habe eigentlich fast immer einen Regenschirm dabei. Nicht aus besonderer Vorsicht. Eher aus Erfahrung. Und ich spreche da nicht von diesem freundlichen Sommerregen, bei dem man noch denkt: Ach, das ist doch ganz schön. Nein, ich meine diesen Regen, bei dem man innerhalb von Sekunden völlig durchnässt ist und anfängt zu bibbern und zu frieren. So wie neulich, als ich in der Stadt war und es urplötzlich angefangen hat, in Strömen zu regnen. Ehrlich gesagt habe ich mich in diesem Moment ein bisschen über meine eigene Vorsicht gefreut. Ich hatte tatsächlich an den Schirm gedacht. Während um mich herum die Leute hektisch irgendwo unter Vordächer flüchten, sich Jacken über den Kopf ziehen oder einfach ergeben weiterlaufen, stehe ich da und bleibe trocken. Gut für mich. Ich gehe ein paar Schritte. Dann steht an der Ampel plötzlich jemand neben mir. Ohne Schirm. Ich könnte einfach weitergehen, mit meinem Schirm über dem Kopf und dem guten Gefühl, dass ich vorgesorgt habe. Aber irgendetwas hält mich davon ab. Und plötzlich halte ich meinen Schirm über uns beide. Es kostet mich so gut wie nichts. Natürlich wird es ein bisschen enger. Der Schirm ist kein Pavillon. Man steht dichter nebeneinander, als man das sonst tun würde, und wahrscheinlich wird trotzdem irgendwann eine Schulter ein bisschen nass. Aber plötzlich stehen da zwei Menschen unter einem Schirm. Und kurz darauf gehen wir gemeinsam weiter. Ganz ohne Verabredung. Ohne gemeinsames Ziel. Und keiner von uns kennt den anderen. Wir standen einfach beide an derselben Ampel. Und dann hat es geregnet. Ich mag diesen Gedanken, weil er so unspektakulär ist. Es braucht keine große Geste. Ich muss nichts können, nichts lösen, niemanden retten. Manchmal reicht ein kleines bisschen Platz, und dann machen einige wenige Zentimeter einen himmelweiten Unterschied. Das klingt fast lächerlich einfach. Aber manchmal reicht das. Ein kleines Stück zur Seite rutschen, dem Anderen ein kleines bisschen Platz machen – und plötzlich ist man gemeinsam unterwegs. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn wir das ein bisschen öfter machen würden. Nicht nur im Regen. Wenn es für jemanden gerade eng wird und ich nicht sofort denke: Hauptsache, ich komme gut durch. Sondern kurz schaue, ob ich ein Stück aufrücken kann. Was würde sich verändern, wenn nicht jeder darauf achten müsste, genau seinen Platz zu behaupten, sondern ab und zu einfach ein bisschen Platz für jemanden anderen zu lassen? Vielleicht würde dadurch nicht plötzlich alles besser. Aber vielleicht wäre trotzdem etwas anders. Vielleicht würde ich mich ein bisschen weniger oft fragen, ob der andere eigentlich in meine Welt passt. Und ein bisschen öfter, ob in meiner Welt gerade noch Platz für ihn ist. Denn das Interessante an meinem Schirm ist ja: Er wird nicht größer, wenn ich ihn teile. Und trotzdem reicht er plötzlich weiter. Und wer weiß? Heute habe ich den Schirm. Morgen vielleicht nicht. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es gut ist, wenn unter meinem Schirm immer ein bisschen Platz bleibt.

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